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WEGE UND WEISEN DES WARTENS

Joseph Ratzinger

Ein zweites Grundelement des Advent ist das Warten, das zugleich ein Hoffen ist. Der Advent stellt damit dar, was der Inhalt der christlichen Zeit und der Inhalt der Geschichte überhaupt ist. Jesus hat das in vielen Gleichnissen sichtbar gemacht: in der Geschichte von den Knechten, die auf die Wiederkunft des Herrn warten oder auch sie vergessen und tun, als wären sie Eigentümer; in der Erzählung von den Jungfrauen, die den Bräutigam erwarten oder nicht erwarten können, und in den Gleichnissen von Saat und Ernte.

Der Mensch ist in seinem Leben ein Wartender: Als Kind will er erwachsen werden, als Erwachsener will er vorwärts kommen und erfolgreich sein; schließlich sehnt er sich nach Ruhe, und endlich kommt die Zeit, wo er entdeckt, dass er zu wenig gehofft hat, wenn ihm über Beruf und Stellung hinaus nichts zu hoffen bleibt.

Die Menschheit hat nie aufgehören können, auf bessere Zeiten zu hoffen; die Christenheit hofft darauf, dass durch die ganze Geschichte der Herr hindurchgeht und dass er einmal all unsere Tränen und Mühsale aufsammeln wird, so dass alles seine Erklärung und Erfüllung findet in Seinem Reich.

Dass der Mensch ein Wartender ist, wird nie so deutlich in der Zeit der Krankheit. Jeden Tag warten wir auf Zeichen der Besserung und schließlich auf die volle Genesung. Aber zugleich entdecken wir dabei, dass es sehr verschiedene Weisen des Wartens gibt.

Wenn die Zeit nicht selber mit einer sinnvollen Gegenwart angefüllt ist, wird das Warten unerträglich. Wenn wir nur auf etwas ausschauen müssen und jetzt gar nichts da ist, wenn die Gegenwart völlig leer bleibt, dann ist jede Sekunde zu lang. Und ebenso ist Warten eine allzu schwere Last, wenn ganz ungewiss bleibt, ob wir überhaupt etwas erwarten dürfen.

Wenn aber die Zeit selber sinnvoll ist, wenn in jedem Augenblick etwas Eigens und Wertvolles beschlossen liegt, dann macht die Vorfreude auf noch Größeres, das kommt, auch das schon Gegenwärtige noch kostbarer und trägt uns wie mit eine unsichtbaren Kraft über Augenblicke hinweg. Gerade zu dieser Art des Wartens aber will uns der christliche Advent verhelfen; es ist die eigentlich christliche Form des Wartens und Hoffens...

Aus: Josef Ratzinger (Benedikt XVI.), Der Segen der Weihnacht, Meditationen, Herder Verlag, Freiburg 2006 (2).


Vers des Tages

"Wer glaubt, ist nie allein!"